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  Lernen für ein neues Leben.
Schulleiter

Die Spätaussiedler-Schule in Malchow ist einzigartig in den neuen Bundesländern. 190 junge Leute lernen hier die deutsche Sprache und einen Beruf. Hier starten sie in ein neues, besseres Leben. Doch die wenigsten werden in M-V bleiben. Die Schule hat zwar eine gute berufliche Vermittlungsquote. Aber durchweg in die alten Bundesländer.

Lernen für ein neues Leben

Junge Spätaussiedler drücken in einzigartiger Malchower Berufsschule die Schulbank.

Malchow. (OZ) . Mittagspause. Diszipliniert stellen sich die Mädchen und Jungen vor der Küchenluke an. Eintopf und Joghurt. „Charascho“, murmelt es die Reihe entlang. Christina Morawietz muss schmunzeln. Sie weiß: „Kartoffeln mögen sie nicht so.“ Daher schaut die Küchenleiterin öfter mal in russische Kochbücher, um die Hungrigen in der Schulküche mit Leckereien aus der früheren Heimat zu überraschen. „Pelmeni kommen immer an.“

Die Jugendlichen sind erst kurz in Deutschland. Mit Eltern, Geschwistern, Omas und Opas kamen sie aus Kasachstan und Russland. Spätaussiedler. Auf der Suche nach dem besseren Leben. In einem Land, von dem sich die Eltern eine Zukunft erhoffen. Weniger für sich, aber wenigstens für die Kinder. In Malchow sollen sie aufbrechen, sich in der Beruflichen Schule für Spätaussiedler, der einzigen dieser Art in den neuen Bundesländern, Rüstzeug holen.

Peter Ackermann ist jetzt 16 und will Tischler werden. Dazu muss er unbedingt deutsch lernen. „und das ist schwer.“ Doch Peter ist zuversichtlich. „Das schaffen wir.“ Er erzählt von seinen Eltern, der Mutter, die Kindergärtnerin ist, und dem Vater, Kraftfahrer. „Sie suchen Arbeit.“ Seit einem Jahr, seit die Familie von Kasachstan nach Teterow zog. In die neue Heimat, die die alte ihrer Vorfahren sein soll. Doch die Nachgesiedelten sind noch nicht angekommen. „Ja, ich habe Heimweh“, gibt Peter zu. Dann telefoniere er. Mit Freunden, die zurückblieben.

190 Mädchen und Jungen werden an der Malchower Schule ausgebildet. „Darunter auch 50 Einheimische“, erklärt Schulleiter Dirk Evers (35), „die besuchen vor allem unsere Kinderpflegerklassen.“ Die Schule will sich öffnen, wirkliche Integration betreiben, wie es der Name „Berufliche Schule zur Integration schulpflichtiger Jugendlicher in privater Trägerschaft der Deutschen Akademie für Sozialarbeit“ verheißt.

1993 war die Spätaussiedler-Schule am Stadtrand von Malchow eröffnet worden. Aus einem einfachen Grund: M-V liefen die jungen Leute weg, Russlanddeutsche sollten die Lücke füllen. Doch auch ihre Zahl geht Jahr für Jahr zurück. Im vergangenen Jahr kamen 2641 Spätaussiedler in den Nordosten, 1997 waren es noch 3442. Den 15- bis 27-Jährigen unterbreitet die Malchower Schule ein Komplett-Angebot: Schulabschlüsse, Berufsvorbereitungen und –ausbildungen. Als Tischler, Kinderpflegerin, Verkäufer und seit September auch als Kaufmann(frau) für Bürokommunikation. „Wir orientieren uns da am Markt“, sagt der Schulleiter, der mit vielen Bildungsträgern einen harten Kampf um Fördergelder für die Integration von Spätaussiedlern führt.

In ganz M-V bemühen sich Evers und sein 30-köpfiges Team (Lehrer, Erzieher, Köchinnen, Hausmeister, Sozialpädagogen) um Schüler. Sie arbeiten mit Kreisen und Städten zusammen, laden Familien in die Internatsschule, die nicht nur Bildung, sonder auch eine moderne Bleibe und ein attraktives Freizeitprogramm verspricht.

Schulleiter
„Es ist gut hier“, sagt Kristina Burzev. Nach vier Jahren Deutschland beherrscht sie die Sprache. Doch das hat gedauert, winkt die 18-Jährige ab. Vor Malchow besuchte sie acht Monate lang eine Aussiedlerklasse in Parchim. „Dort sprachen die Lehrer nur russisch mit uns. Doch wir müssen deutsch lernen“, weiß sie nur zu gut.

In Malchow ist deutsch Programm: 14 Stunden pro Woche in der Berufsvorbereitung, außerdem werden alle Fächer in deutscher Sprache unterrichtet. „Sie kommen ja fast alle mit Null-Kenntnissen“, so Kerstin Tramplers (45) Erfahrung. Sie gibt Philosophie und Wirtschaft, mit „völlig fremdem Fach-Vokabular“.

Kristina hat’s fast geschafft. Sie ist das dritte Jahr in Malchow, beendet 2002 ihre Lehre als Verkäuferin. Nach einem Job wird sie wohl „im Westen“ suchen. Die Aussichten in M-V sind schlecht. „Wir konnten unsere Verkäufer im letzten Jahr zwar hundertprozentig vermitteln“, freut sich Schulleiter Evers, „aber alle in die alten Bundesländer.“ Die Hoffnung von M-V auf die Spätaussiedler-Jugend wird nicht aufgeben.

„Wir sind hier eine Haltestation“, beschreibt Deutschlehrerin Dr. Karin Büchle. „Wir wollen die Jugendlichen aus der russischen Kultur sanft hinübergeleiten und fit machen für Deutschland.“ Ohne ihre Bindungen zu kappen, sie mit ihren Traditionen brechen zu lassen. Klar, reden die jungen Leute russisch untereinander. Schon zur Entspannung. Aber auch aus Vertrautheit, Techno-Bässe hämmern durch die Internatsräume, aber auch Gitarrenklänge. Dazu werden russische Lieder angestimmt. „Und in diesem Moment merkt man die Gebrochenheit der jungen Leute, ihre Zerrissenheit“, sagt Evers. Der Weggang aus der alten Heimat fällt schwer, und doch erkennen sie auch die Chance dieses Schrittes, Katharina Schertschkov (19) will noch studieren: ökonomie. Im Dezember letzten Jahres verließ sie Russland, ihre Geburtsstadt Orenburg. „Zurück“, möchte sie schon, „irgendwann zu Besuch“.

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